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Die Folgen der Anwerbung von Gastarbeitern

   
 

In den fünfziger Jahren wurde unter der damaligen Adenauer-Regierung aus rein ökonomischen Gründen (Abkommen mit Italien 1955) mit der Aufnahme von Gastarbeitern in unser Land begonnen. Es galt den Mangel an Arbeitskräften, besonders in den Landwirtschaft zu decken, um das Wachstum nicht zu gefährden (vgl. 3.1). Als mit dem Mauerbau der Flüchtlingsstrom gänzlich versiegte, wurden mit zahlreichen Mittelmeerländern Verträge abgeschlossen, um den Arbeitskräftebedarf zu decken. In diesen Verträgen wurde auf eine Festlegung der Länge des Aufentshaltsdauer verzichtet (vgl. Schöneberg, U. (1992), S.32ff.). Mit Sicherheit wurden die langfristigen Konsequenzen nicht bedacht oder zu optimistisch eingeschätzt, denn mit der Zahl der Gastarbeiter in den sechziger Jahre deutete sich sehr schnell an, dass viele immer länger hier bleiben würden. Ein Grund für eine fehlende öffentliche Diskussion um das Für und Wieder einer Ausländerbeschäftigung fiel weg, da die Interessen von der Regierung über die Arbeitgeber bis zu den Gewerkschaften in einer konzertierten Aktion gebündelt waren (vgl. Schöneberg, U. (1992), S. 35). Auch die Rahmenbedingungen für die Gastarbeiter waren nicht dazu angetan, nur für kurze Zeit hierher zu kommen. So verloren Gastarbeiter, wenn sie vor Ablauf von 15 Jahren ins Ausland zurückgingen, ihre Rentenansprüche.

Aus Gastarbeiter wurden sehr schnell Einwanderer, denn schon Ende der sechziger Jahre lebten 40 % der verheirateten Gastarbeiter mit Ihren Frauen in Deutschland (vgl. Koch, H. (1970). S.28). Die soziale Komponente wurde von der Politik bis Anfang der siebziger Jahre kaum beachtet (vgl. 3.2). Es wurden zahlreiche volkswirtschaftliche Rechnungen aufgemacht, ob sich der Einsatz lohnen würde oder nicht.

Es zählte allein das Primat der Ökonomie

Dies erscheint heute zurecht als unmenschlich, denn das hinter der Masse der Gastarbeiter menschliche Einzelschicksale stehen, die man nicht wie Maschinen ökonomisch berechnen kann, hat man nicht bedacht oder bedenken wollen. Max Frisch hat, befragt nach dem "Gastarbeiterproblem" in der Schweiz, die Sache auf den Punkt gebracht : "Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es sind Menschen gekommen" (zitiert aus Leitner, H. (1983), S.11). Besonders unverständlich ist diese Geschichte im Hinblick auf das noch "frische" geschehene Unrecht des 2. Weltkrieges. In negativen Sinne zeichnet sich diese Geschichte durch eine bestimmte Kontinuität aus. Schon vor dem 1. Weltkrieg hausten die ausländischen Arbeitnehmer in Baracken und wurden gnadenlos ausgenutzt und angefeindet (vgl. 2.). Auch im Nachkriegsdeutschland und in den europäischen Nachbarländern wurde weiter so verfahren (vgl. 3.3.).

Als Anfang der siebziger Jahre durch ökonomische Umbrüche weniger Gastarbeiter gebraucht wurden und auch in der Öffentlichkeit endlich über die Gastarbeiter diskutiert wurde, stellte man fest, dass für viele Deutschland zur Heimat geworden war (vgl. 3.3). Sehr schnell stoppte man, gleichzeitig mit der Ölkrise, die weitere Anwerbung von Arbeitskräften. Nicht weniger als 26 Gesetzesänderungen erleichterten oder verschärften in den siebziger Jahren den Status der Gastarbeiter (vgl. 3.4). Je nach kurzfristiger Lage wurden die Gesetze angepasst, eine langfristige Politik, wie man mit den hier lebenden Gastarbeitern und Ausländern insgesamt verfährt, wird nicht gerade deutlich. Selbst bis weit in die achtziger Jahre hinein träumten die Verantwortlichen von einer Rückkehr der Gastarbeiter, wie der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung aus dem Jahre 1985 beweist. Obwohl Menschen teilweise seit über 30 Jahren hier leben und alle Umfragen immer ergaben, dass eine Mehrheit ihre Heimat in Deutschland sieht, dachte man, ein Großteil würde wieder in die Heimat zurückkehren. Vielleicht wollte, oder konnte, man dies einfach nicht zur Kenntnis nehmen.

Bis heute reichen die Fehler der damaligen Zeit. Da eine schleichende, nicht wirklich gewünschte Einbürgerung stattfand, waren die Chancen der Gastarbeiterkinder recht schlecht. Sie wurden, wie Ernst Klee es bezeichnet, zu einer neuen "Schar von Hilfsarbeitern verdammt", da sie in der Schule und aus der familiären Situation heraus entschiedene Nachteile hatten. Nur einzelne schafften den Aufstieg, wie der erste Gastarbeiterabiturient 1970 beweist (Am 1.Juli 1970 bestand der Italiener Lino Franceschini am Abendgymnasium in Essen das Abitur (vgl. Koch, H. (1970), S. 80 ff.)).

Auch die Ghettobildung und die Massierung von Ausländern in bestimmten Stadtteilen geht auf diese Zeit zurück. Als die Gastarbeiter aus den Baracken auszogen, um mit ihren Familien billigen Wohnraum zu suchen, bleiben meist nur bestimmte Wohnanlagen oder Wohnviertel übrig, die heute einen unzweifelhaft schlechten Ruf genießen.

Deutlich wird aus der Geschichte der Gastarbeiter in Deutschland, dass über Jahre hinweg, die Fakten, dass Deutschland zum schleichenden Einwanderungsland geworden ist, von der Politik bewußt missachtet worden ist. Die Gastarbeiter von heute bringen nicht ihre Muskeln nach Deutschland, sondern ihr Köpfchen. Deutschland muss sich für die Zukunft entscheiden, ob es Einwanderungen ermöglichen möchte oder nicht. Auf jeden Fall muss in der Politik und in der Öffentlichkeit aus der Vergangenheit die Lehre gezogen werden, dass für alle, die längere Zeit in einem Land bleiben, das Land auch meist zur Heimat wird und auch öffentlich eine Unterstützung zur Integration gegeben werden muss. Der Begriff des Gastarbeiters war zumindest nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland eine Fiktion und irreführend.

Mit der Geschichte der Gastarbeiter wird zudem auch deutlich, dass es eine Koalition an Kräften mit besonderen Impulsen aus der Wirtschaft für das Anwerben der Ausländer gesorgt hat. Rechten Parolen dürfte das einigen Wind aus den Segeln nehmen, denn die Ursache für die Einwanderungsproblematik ist alleine bei den Kräften zu suchen, die die schleichende Einwanderung zugelassen oder gefördert haben. Nach meiner Meinung ist es nun auch endlich an der Zeit, den ehemaligen Gastarbeitern mehr Möglichkeiten für eine Integration in Deutschland zu geben.

 

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