Home    
       
       
 
 

Das Gastarbeiterleben in Deutschland

   
 

Der Entschluss nach Deutschland zu gehen und die Anwerbungsbedingungen anzunehmen, geschieht aus der Spannung zwischen freiwilliger Emigration und Vertreibung durch Not und natürlich aus der Absicht in Deutschland Geld durch fleißige Arbeit zu verdienen, dass später in der Heimat zu einem größeren Wohlstand führen könnte (vgl. Koch, H. (1970), S.16).

Die Herkunft der Gastarbeiter stammt aus Kleinstädten und ländlichen Gebieten des Heimatlandes:


Italien: Süd- oder Inselitalien

Griechenland: aus dem agrarischen Norden des Landes

Spanien: aus Andalusien und Nord / Nordwestspanien

Portugal: Mittelportugal

Türkei: aus Istanbul, Thrazien, Mittel- und Ostanatolien und rund um Ankara

(Quelle: Borelli, M. (1979), S. 49 ff.)


Auch an der Herkunft der Gastarbeiter lässt sich die finanzielle Not ablesen. Meist sind es die ärmeren Regionen eines Landes, aus denen die Gastarbeiter kommen.

Etwa 90 % der ausländischen Arbeitnehmer sind 1970 unter 45 Jahre alt (Quelle: Marplan-Forschungsgesellschaft (1970))

Für die meisten von Ihnen bedeutet der Wechsel ein Umzug vom Land in die Großstadt in Deutschland (Schöneberg, U. (1992), S.243). Damit müssen sie die Vertrautheit der Familie, des Dorfes aufgeben und in eine vollkommen fremde Umwelt eintauchen. Ihr Frauen bleiben zumindest in den ersten Jahren zu Hause. In Italien gab es mehr als eine Million Familien, die durch die Gastarbeiterschaft auseinandergerissen wurden. Dies führte zu erheblichen Spannungen und von einem geregelten Familienleben kann wohl kaum die Rede sein (vgl. Klee, E. (1971) S. 10).

Für die Gastarbeiter selber bestand in dieser kontaktarmen, anonymen Großstadtgesellschaft Deutschlands die Gefahr der Isolierung. Auch für die Kinder dieser ersten Generation von Gastarbeitern, als sie nach Deutschland geholt wurden, war die Isolierungsgefahr sehr groß, denn in der unmittelbaren Nachbarschaft lebten meist keine Ausländer. Besonders bemerkbar macht sich die fehlende offizielle Unterstützung bei Sprach- und Ausbildungsproblemen. Die meisten Gastarbeiter haben nur Anfangskenntnisse im Deutschen. Nur 1/3 kann sich fließend verständigen, die Hälfte nur gebrochen. 86 % der Ehefrauen reden nur ein gebrochenes Deutsch (vgl. Marplan-Forschungsgesellschaft (1970)).

Die Beherrschung der deutschen Sprache stellt natürlich ein wichtiger Schlüssel für die Anpassung und das Verständnis auf beiden Seiten dar. Ausbildungsförderung erhielten in den sechziger Jahren nur deutsche Staatsangehörige oder Heimatlose. Auch von der Förderung durch berufliche Weiterbildung wurden Ausländer ausgeschlossen.

Auch die Kinder der Gastarbeiter wurden weder in der Schule und noch von anderen öffentlichen Stellen gefördert. Ein Großteil der Kinder und Jugendlichen hatten kaum Chancen in der Schule oder wurden direkt arbeiten geschickt, um für die Familie den Lebensunterhalt zu verdienen. So bildete sich die nächste Generation von Hilfsarbeitern ohne jegliche Ausbildung heran (vgl. Klee, E. (1971), S.17).

Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre wird der Gast zum Nachbar auf Dauer. Die Arbeitsstätten und Wohnsitze werden zur eigentlichen Heimat, dabei suchen Gastarbeiter für sich und ihre Familie eigene Wohnungen und ziehen aus den Baracken aus. Dabei werden meist die günstigen Wohnungen in den Neubaugebieten ihr Ziel. Hieraus entwickelten sich die heute oft bemängelten Unterschichtghettos in den Städten (vgl. Klee, E. (1971), S. 11 ff.). Schon Ende der sechziger Jahre lebten 40 % der Verheirateten mit Ihren Frauen in Deutschland (Quelle : Marplan-Forschungsgesellschaft (1970)).

Der Herkunftsort wird meist nur noch im Urlaub besucht und stellt nicht mehr die eigentliche Heimat dar.

Nicht unbedeutend für das mangelnde Interesse an einer Rückkehr nach Deutschland dürfte auch die politische und soziale Unsicherheit in den Herkunftsländern gewesen sein (verschiedene Krisen in der Türkei bis hin zum zeitweiligen Bürgerkrieg).

Das Verhältnis zu den Deutschen ist durch einen gewissen gegenseitigen Respekt geprägt gewesen. Die Leistungen der Gastarbeiter auf der Arbeit wurden anerkannt, aber zur Einladung nach Hause oder in den Schrebergarten reichen die Kontakte mit dem deutschen Kollegen nicht aus (vgl. Koch, H. (1970), S.18).

Die ausländischen Gastarbeiter fühlen sich privat geschnitten, da nach der Arbeit so gut wie kein Kontakt stattfindet. Die Sprache wäre auch einfacher zu lernen, wenn es auch private Kontakte gibt. Auch hier dürfte die öffentliche Darstellung, dass diese Menschen nur auf kurze Zeit bei uns sind, nicht gerade förderlich für Kontakte gewesen sein. Die Marplan-Studie aus dem Jahre 1970 gab weitere Interessante Details bekannt.

Trotz der Isolation bewerteten 70 % der Gastarbeiter ihre Situation als gut und sehr gut, und nur 1 % als schlecht. Immerhin waren 95 % mit dem Arbeitsplatz zufrieden und 75 % haben ihn nicht gewechselt.

Unangenehm ist die Trennung von der Familie (für 40 %), ebenso wie das kalte und harte Klima (38 %) und immerhin 26 % erklären, dass das deutsche Sommerklima angenehmer ist, als das heimische feuchtheiße Klima. 31 % empfinden die deutsche Küche als schlecht und unbekömmlich und 23 % haben Probleme mit der Einsamkeit und den Wohnverhältnissen.

Die angenehmen Seiten in Deutschland sind der Verdienst (92 %), gute Einkaufsmöglichkeiten (58 %), deutsche Sozialleistungen (65 %), angenehme Arbeitstätigkeit (55 %) und die Sauberkeit und Hygiene (50 %).

Was können Ausländer von den Deutschen lernen?

  1. Sozialfürsorge 63 %
  2. Sicherheit des Arbeitsplatzes 60 %
  3. Sauberkeit und Hygiene 58 %
  4. Schulwesen, Berufsbildung 57 %
  5. Gesundheitspflege 54 %
  6. Pünktlichkeit 46 %
  7. Ruhe und Ordnung 44 %
  8. Gute Infos in der Presse 42 %

Was können die Deutschen von den Ausländern lernen?

  1. Freundlichkeit 55 %
  2. Bescheidenheit, Genügsamkeit 49 %
  3. Essen und Kochen 44 %
  4. Anpassung, Toleranz 42 %
  5. Sparsamkeit 41 %
  6. Familienleben 40 %
  7. Das Leben angenehmer machen 30 %
  8. Kindererziehung 22 %

Viele Gastarbeiter bemängeln den Verlust der Freundlichkeit durch den Fortschritt. Wahrscheinlich liegt dies auch an der anonymen Situation in deutschen Großstädten. Gerade die Isolierung macht den Gastarbeitern zu schaffen, denn jeder zweite wünscht sich Kontakt zu Deutschen.

Die Gastarbeiter in der Studie bewerten ihre Situation noch recht positiv, für deutsche Verhältnisse haben viele, nicht wie Gäste, sondern eher wie Tiere gelebt (vgl. Klee, E. (1971), S. 35 ff.). In den sechziger und auch noch Anfang der siebziger Jahren wohnten die Gastarbeiter in speziellen Baracken, die meist in schlechtem Zustand waren, aber immerhin waren 50 % mit ihrer Wohnsituation zufrieden.

Abb.: Thema Ausländer und Integration - seit den neunziger Jahren ein Medienthema - Foto im Haus der Gesch. in Bonn

Auch 15 Jahre später hat sich in empirischen Studien das Verhältnis Gastarbeiter / Ausländer und Deutsche nur unwesentlich verbessert. In einer Studie aus dem Jahre 1985 wünschen sich fast 90 % der Ausländer eine Verbesserung der Kollegenbeziehung, dagegen wünschen dies nur 57 % der Deutschen. Auch die Zufriedenheit unter den Ausländern ist in den fünfzehn Jahren deutlich zurückgegangen. Besondere Sorgen machen sie die Ausländer um den Arbeitsplatz und beschweren sich über die geringe Lohnhöhe (vgl. Gaugler, G.; Weber, W., Gille, G.; Martin, a. (1985)).

   
 
©    Brandt-Verlag. mesken ist rechtlich geschützt.  -  Alle Informationen ohne Gewähr und nur für den privaten Gebrauch. Erstellung von Kopien jeglicher Art nur mit Genehmigung des Brandt-Verlages.