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Die Hauptspannungslinien der „Deutschländer“

   
 

Konfliktlinie Religion

Einer der wichtigsten Gräben, die die türkische Gesellschaft durchziehen, sind die der Religionszugehörigkeit. Es ist nämlich keineswegs so, dass sämtliche Türken sunnitischen Glaubens wären, wie dies in offiziellen Angaben des türkischen Staaten mit angeblichen 99 % immer noch glaubhaft gemacht wird. In den türkischen Pässen wird oftmals gar nicht nach der Religionszugehörigkeit gefragt, sondern einfach „Islam“ eingetragen. Auch in Deutschland wird jeder Türke automatisch beim sunnitischen Islam verortet, da dieser in den Straßen am sichtbarsten ist. Dies ist schlichtweg falsch, denn es sind vielmehr zwei große Gruppen, in die sich die türkische Bevölkerung (auch die in der Diaspora) teilt. Einerseits ist dies die große Gruppe der Sunniten, die 70-80 % der Bevölkerung der Türkei stellt und dann folgt die Gruppe der Alewiten und eine kleinere Gruppe der Yeziden. Es gibt kurdische und auch türkische Sunniten und Alewiten. Die kleine Gruppe der Yeziden besteht nur aus Kurden.

Die sunnitischen Muslime streng an die fünf Gebete pro Tag und die rituellen Waschungen gebunden sind. Während des Fastenmonats Ramadan gilt die Konzentration auf Gott. Tagsüber soll während dieses Monats nicht geraucht, gegessen und getrunken werden. Erst nach Sonnenuntergang wird dann meist üppig gegessen und gefeiert. Weitere wichtige Regeln sind die Armensteuer, wobei der vierzigste Teil des Vermögens gespendet werden soll und die Reise nach Mekka, die zumindest einmal im Leben vollzogen werden sollte.

Die Alewiten stehen eher den Schiiten nahe. Sunniten und Schiiten trennt grundsätzlich die Frage nach dem rechtmäßigen Nachkommen des Propheten Mohammeds. Aus diesem Grund steht im Alewitischen Glauben der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Ali im Mittelpunkt. Die Alewiten erkennen weder die fünf Säulen des Islams und auch nicht die Scharia an.

Das Alewitentum war eine Geheimreligion die sich von der sunnitischen Mehrheitsreligion abspaltete. Bei den Alewiten gibt es keine Moscheen. Ihre Glaubenspraktiken sind nicht schriftlich fixiert, sondern werden durch „heiligen Familien“, die fiktiv von den Nachkommen von Ali abstammen weitergelehrt. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche unterschiedliche Glaubenspraktiken bei den Alewiten. Im Mittelpunkt steht auf jeden Fall das Cem-Haus. Im Gemeindehaus oder Zentrum (Cem), wo Tanz und Musik im Mittelpunkt stehen, werden rituelle Handlungen ausgeführt.

Durch die Landflucht in den fünfziger Jahren in die Städte sind die Alewiten säkularisiert worden. Mehrere Generationen wuchsen heran, die die Bräuche nicht mehr aus eigener Anschauung erlernen konnten. Durch die politische Polarisierung in der Türkei in den siebziger und achtziger Jahren erwachte das Alewitentum wieder zu neuem Leben, da durch gewalttätige Aufstände immer wieder Alewiten umgebracht wurden. 1978 starben 2000 Alewiten durch sunnitische Muslime in Mara, 1980 gab es Überfälle mit zahllosen Toten in Tokat, Corum und Sivas. 1993 wurde bei einem Überfall auf einen alewitischen Kongress 37 Schriftsteller und Musiker getötet. Noch 1995 gab es in Instabul gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen beiden Gruppen. Der Staat im Form der lokalen Polizei hat häufig eine unrühmliche Rolle gespielt, da er bei Auseinandersetzungen nicht eingriff, oder häufig Partei für die Sunniten einnahm.

Viele Aleviten sehen im Alevismus weniger eine Religion, sondern mehr eine Lebenseinstellung, die verschiedene Werte vermittelt. Die zentralen Elemente sind Toleranz, Menschenliebe und Fortschritt.

Die Gruppe der Yeziden hat nur noch wenige Mitglieder in der Türkei. Die Schätzungen gehen von wenigen hundert aus. Nach 1987 wurde diese Gruppe in der Türkei unterdrückt, da sie als nichtgläubig galten. Ihr Besitz konnte von jedem beschlagnahmt werden. Sie glauben an sieben Engel, denen Gott die Zuständigkeit für alle irdischen Angelegenheiten übertragen hat. Der höchste Engel, ist der Engel „Pfau“. Dieser ist für alles Gute und Böse auf der Erde zuständig.

Die Yetziden lebten in einem Kastensystem mit strengen Regeln. In Deutschland dürften nur noch wenige praktizierende Yetziden leben. Genaue Zahlen existieren nicht.

Genaue Zahlen über die in Deutschland lebenden Glaubensgruppen gibt es kaum. Das Alevitische Kulturzentrum schätzt, dass ca. 700000 Aleviten in Deutschland leben (Kurden und Türken) und ca. 40000 alleine in Berlin. Damit würde von den ca. 2,6 Mio Türken oder türkischstämmigen Menschen in Deutschland mehr als jeder Vierte ein Alevit sein.

Mit den neunziger Jahren nahmen die Konflikte zwischen Aleviten und Sunniten in Deutschland wieder zu. Die Ursache für diese Konflikte lagen überwiegend in der Türkei (besonders im Attentat auf Intellektuelle in Sivas am 2.7.1993 durch türkische Rechtsradikale), aber auch in Deutschland. Durch den rechtsradikalen Druck igelten sich die türkischstämmigen mehr ein und besinnten sich auf ihre Ursprünge. In der ZEIT vom 31.3.1995 führt Erol Vural (35) aus : " Die türkisch-deutsche Freundschaft geht kaputt". 1995 eröffnete Vural in Köln eine türkische Diskothek. Sie ist nach seiner Meinung einer der Antworten auf das Gefühl vieler Türken, in Deutschland und bei den Deutschen nicht mehr so gut aufgehoben zu sein.

Auch Faruk Sen vom Zentrum der Türkeistudien stellte damals fest, dass es „nicht leicht sei Türke“ zu sein. Da deutsche rechtsradikale, aber auch Türken sich gegeneinander verfolgen.

Die Abgrenzung funktioniert nicht nur gegenüber den Deutschen, sondern auch unter den Türken. Besonders die Religion eignet sich zur Abgrenzung.

Während die sunnitischen Islamisten ihren Daumen nach oben strecken und sich somit zur reinen Lehre des Propheten bekennen, tragen die Aleviten als Erkennungszeichen meist ein gespaltenes Schwert des Ali.

Konfliktlinie Abstammung Türke/ Kurde

Spätestens seit dem Krieg der Türkei gegen die Kurden im eigenen Land ist der deutschen Öffentlichkeit bewusst, dass es nicht nur Türken gibt, sondern auch die große Gruppe der Kurden. Die Kurden teilen sich in der Türkei wiederum in zwei Sprachgruppen auf, die Kurmanci und die Sazaki sprechen. Da bis vor kurzem Kurden in der Türkei noch als „Bergtürken“ diffamiert wurden, gibt es nur Schätzungen über die Anzahl der Kurden in der Türkei (Die kurdischen Sprachen waren zwischen 1982 bis 2002 per türkischer Verfassung verboten). Die Zahl der Kurden wird auf mindestens 20 Mio. geschätzt. Damit sind 30 % der Menschen in der Türkei kurdischer Abstammung.

Der langjährige militärische Konflikt zwischen der PKK und der Türkei (1984-1999) hat zu einer Abgrenzung von Kurden und Türken auch in Deutschland geführt. Während der neunziger Jahre gab es immer wieder Anschläge von militanten Kurden auf türkische Geschäfte, aber auch auf Kurden, die sich weigerten das „Schutzgeld“ der PKK zu zahlen. Insgesamt schätze man in Deutschland die PKK-Aktivistenzahl auf 5000 mit ca. 40000 Sympathisanten. Die Aktionen beschränkten sich auf die neunziger Jahre. Seitdem der Festnahme von Abdullah Öcalan hat sich der militante Arm der PKK in Deutschland mehr oder weniger inaktiv gezeigt.

Noch 1993 überfielen militante Kurden das türkische Generalkonsulat, 1994 zündeten sich Kurdinnen an und blockierten über Stunden die Autobahn Augsburg-München.

Die PKK und ihr terroristischer und militanter Widerstand gegen die Türkei steht aber nur für einen Teil der Kurden. Die überwiegende Mehrheit ist friedlich und distanziert sich von Gewaltaktionen. Viele Kurden empfinden es als ungerecht immer mit der PKK in Verbindung gebracht zu werden. Nach Angaben des friedlichen Kurdenverbandes KOMKAR leben in Deutschland mehr als 500000 Kurden. Die überwiegende Zahl stammt aus der Türkei. Somit sind 20 % der „Türken“ in Deutschland in Wahrheit Kurden.

Die Kurden wiederum teilen sich in zwei Sprachgruppen auf (kurmanci/sazza). Das Verhältnis zwischen kurmanci-sazza sprechenden Kurden wird auf 70 / 30 in Deutschland geschätzt.

Kleinere, in Deutschland aufgrund der geringen Zahl unbedeutende Gruppen sind die türkischen Araber und die „türkischen“ Aserbaidschaner.

Konfliktlinie Staatsverständnis

Eine weitere wichtige Bruchlinie der türkischen Politik ist das Staatsverständnis. Mit Staatsverständnis ist hier gemeint, welche Aufgabe der türkische Staat in den Augen der Bevölkerung haben sollte. Um diese Bruchlinien zu verdeutlichen, ist ein kleiner Blick zurück in die türkische Geschichte notwendig. Nach dem Zusammenbruch des osmanischen Reiches und dem Kampf des Staatsgründers Atatürk hat Atatürk eine massive Verwestlichung herbeigeführt. Die Übernahme westlicher Kulturelemente zeigt sich in der Übernahme der lateinischen Schrift und westlicher Kleidung und einer zumindest ansatzweise versuchten Trennung von Staat und Religion.

Das Militär und weite Teile der westlichen Istanbuler Ober- und Mittelschicht verteidigen Atatürks Erbe. Weite Teile der Parteienlandschaft der siebziger und achtziger Jahre stammte aus diesem Milieu. Die stark pro-westlich eingestellten Bevölkerungsschichten werden in der Türkei auf maximal 20 % geschätzt und stellen eine klare Minderheit dar.

In großen Bereichen des religiösen Anatoliens in der Mitte und im Osten des Landes spielen für die Bevölkerung andere Motive eine Rolle. Hier wird die Bruderschaft mit den anderen Muslimen z.B. im arabischen Raum betont. Bis in die hintersten Ecken das großen Landes zeigt sich Atatürk durch Denkmäler, aber in Köpfen der Menschen hier auf dem Land ist der Westen eher etwas nicht greif bares und eher beängstigendes. Mehr als 50 % der Türken sehen eher die Türkei in einer muslimischen Tradition. Zwei weitere wichtige Gruppen an den Rändern der türkischen Gesellschaft stellen rechte- und linke Gruppen dar. Ein recht großer Teile dieser beiden Gruppen ist zumindest auch potentiell gewaltbereit. Die rechte Gruppe der „Grauen Wölfe“ wird auf mindestens 10 % in der Türkei geschätzt. Die linken Gruppen erreichen ähnliche Dimensionen, sind aber wesentlich stärker in Gruppen zersplittert.

Vielleicht sind die Bruchlinien, die sich im Staatsverständnis zeigen, noch unüberbrückbarer als die Brüche in der Gesellschaft in der Frage der Abstammung oder der Religion.


   
 
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